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Wiedererkennung entsteht durch Wiederholung, nicht durch ein schönes Logo
Eine neue Studie mit 1.162 Markenelementen zeigt: Kein Elementtyp trägt eine Marke allein, und die meisten sind zu wenig bekannt. Ich zeige, was daraus für dein Corporate Design folgt.
Wenn es um ein neues Corporate Design geht, dreht sich das erste Gespräch fast immer ums Logo. Das ist verständlich: Das Logo ist das sichtbarste Stück einer Marke, es landet auf jeder Visitenkarte und in jedem Profilbild. Nur erkennen Menschen eine Marke selten am Logo allein.
Sie erkennen sie an einem Zusammenspiel aus Form, Farbe, Schrift, Bildern und Ton, das ihnen immer wieder gleich begegnet. Die Forschung dazu ist ziemlich eindeutig. Und sie verschiebt den Blick: weg von der einen genialen Idee, hin zu einem System, das man jahrelang durchhält.
Menschen schauen nicht hin, sie erkennen wieder
Kaum jemand betrachtet eine Website, einen Post oder ein Firmenauto aufmerksam. Wir scrollen, fahren vorbei, überfliegen. In Experimenten der Forscherin Gitte Lindgaard und ihres Teams reichten rund 50 Millisekunden, um zu entscheiden, ob eine Website gefällt. Das ist kürzer als ein Lidschlag.
Was in diesem Moment zählt, ist das Gesamtbild. In einer großen Studie der Stanford University bewerteten 2.684 Menschen, wie glaubwürdig ihnen Websites erscheinen. Das Erscheinungsbild, also Layout, Schrift, Farben und Bilder, kam in 46,1 % der Kommentare vor, häufiger als jedes andere Kriterium. Gestaltung ist also keine Dekoration. Sie ist das Erste, woran Menschen dich messen.
Der Marketingforscher Byron Sharp nennt das Ziel mentale Verfügbarkeit: Deine Marke soll Menschen einfallen, wenn sie etwas brauchen, das du anbietest. Dafür braucht es Erinnerungsspuren, und die entstehen nur, wenn dieselben Signale immer wieder auftauchen. Eine seiner Regeln lautet sinngemäß: konsistent bleiben, aber frisch.
Kein Markenelement schafft es allein
Wie stark einzelne Markenelemente wirklich sind, hat ein Team um Peilin Phua und Byron Sharp 2026 im International Journal of Advertising veröffentlicht. Die Forschenden haben 1.162 Markenelemente aus 21 Branchen in vier Ländern ausgewertet: Logos und Formen, Farben, Figuren, Slogans, Sounds.
Für jedes Element wurde gemessen, wie viele Menschen es ohne Markennamen der richtigen Marke zuordnen. Das ist die Bekanntheit. Und wie oft dabei wirklich diese Marke genannt wird und keine andere. Das ist die Eindeutigkeit. Erreicht ein Element auf beiden Achsen mindestens 50 %, kann es die Marke auch allein tragen. Das Ergebnis:
- Formen sind am stärksten. Logos und typische Formen erreichen im Schnitt 40 % Bekanntheit und 71 % Eindeutigkeit.
- Farbe ist am schwächsten. Im Schnitt kommt sie auf 12 % Bekanntheit und 39 % Eindeutigkeit.
- Kein Elementtyp erreicht im Mittel das Zielfeld. Das durchschnittliche Element liegt bei 26 % Bekanntheit und 54 % Eindeutigkeit.

Bei Dienstleistern sieht das Bild etwas besser aus, aber nicht grundsätzlich anders: Formen kommen dort auf 45 % Bekanntheit, Farbe auf 18 %. Die Studie stützt sich auf große Marken in englischsprachigen Ländern. Dass ein kleines Unternehmen mit weniger Reichweite schneller ans Ziel kommt, ist nicht zu erwarten.
Das Problem ist selten die Gestaltung, sondern die Bekanntheit
Der wichtigste Satz der Studie steht in der Diskussion: Die meisten Markenelemente sind eindeutig genug, aber zu wenige Menschen kennen sie. Die Hauptaufgabe sei deshalb, Bekanntheit aufzubauen. Eindeutigkeit, schreiben die Autoren, ist sogar schwerer zu erreichen als Bekanntheit.
Für kleine Unternehmen ist das eine gute Nachricht. Du musst nicht alle zwei Jahre ein neues Logo erfinden. Du musst dein gutes Logo, deine Farben und deine Schrift so oft und so gleich wie möglich zeigen: auf der Website, im Angebot, auf Instagram, am Firmenwagen, in der Mail-Signatur.
Dass sich Geduld auszahlt, zeigen auch Daten aus der Werbewirkungsforschung. In einer Auswertung von System1 und den Effie Awards berichteten Kampagnen mit einer wiederkehrenden Figur deutlich häufiger von mehr Unverwechselbarkeit (46 % gegenüber 15 %) und mehr Bekanntheit (49 % gegenüber 24 %). In der Langzeitanalyse von Les Binet und Peter Field für den britischen Werbeverband IPA steigt der Anteil emotionaler Kampagnen mit sehr großen Gewinneffekten von 13 % nach einem Jahr auf 43 % nach drei und mehr Jahren.
Farbe allein reicht nicht, und die 80 Prozent sind ein Mythos
Kaum eine Zahl wird im Branding so oft zitiert wie diese: Farbe steigere die Wiedererkennung einer Marke um bis zu 80 %, belegt durch eine Studie der Loyola University. Die früheste auffindbare Quelle ist allerdings ein Werbeblatt des Druckerherstellers Xerox, das dieselben 80 % gleich für mehrere andere Effekte nennt. Die Loyola-Studie, auf die sich viele berufen, untersuchte, wie schnell und genau Menschen Tabellen und Diagramme ablesen. Um Marken ging es darin nicht.
Die Studie von 2026 zeigt eher das Gegenteil: Farbe ist im Schnitt das schwächste Markenelement. Die Autoren halten Farbe als alleiniges Erkennungszeichen für riskant, im Zusammenspiel mit stärkeren Elementen wirkt sie besser. Mein Grün funktioniert deshalb nicht, weil es grün ist. Es funktioniert, weil es immer zusammen mit dem MRT-Quadrat, derselben Schrift und derselben Bildsprache auftaucht.
Was ein Corporate Design deshalb festhalten muss
Ein gutes Corporate Design ist kein Logo mit Farbpalette. Es ist ein Regelwerk, das dafür sorgt, dass deine Marke überall gleich auftritt, auch wenn du nicht selbst danebenstehst. Fünf Punkte gehören für mich hinein.
1. Eine Form, die nur dir gehört
Formen sind laut Studie die stärksten Markenelemente. Das kann das Logo sein, aber auch ein wiederkehrendes Zeichen, ein Rahmen oder ein Muster. Wichtig ist, dass es einfach genug ist, um überall zu funktionieren, vom Favicon bis zur Fahrzeugfolie.
2. Farbe nur im Paket
Lege wenige Farben fest und setze sie immer zusammen mit deiner Form ein. Eine Hausfarbe allein teilst du dir fast immer mit jemandem aus deiner Branche.
3. Schrift und Ton
Eine feste Schrift und eine wiedererkennbare Art zu formulieren wirken leiser als ein Logo, dafür auf jedem Kanal. Gerade dort, wo kein Platz für ein Logo ist, in Mails, Angeboten und Captions, trägt der Ton die Marke.
4. Regeln, die jeder anwenden kann
Brand Guidelines sind kein Ordner für den Schrank. Sie sind die Anleitung, mit der Druckerei, Agentur oder dein eigenes Team die Marke richtig einsetzen. Je klarer die Regeln, desto seltener wird improvisiert.
5. Geduld
Viele Marken scheitern nicht an schlechter Gestaltung, sondern an zu frühen Wechseln. Wenn du deine eigene Marke langsam leid bist, fängt deine Kundschaft gerade erst an, sie wiederzuerkennen.
Ein Beispiel aus meiner Arbeit
Für die Zukunftswache, einen Finanz- und Versicherungsmakler für Polizistinnen und Polizisten, habe ich die Marke deshalb nicht nur über das Logo gedacht. Ein markantes Zeichen, das an eine Polizei-Insignie erinnert, kräftiges Blau mit Neon-Gelb und eine Reihe illustrierter Figuren tauchen gemeinsam auf: auf der Website, in Social-Media-Beiträgen, auf Plakaten und in der Geschäftsausstattung.
Jedes dieser Elemente wäre für sich genommen austauschbar. Zusammen sollen sie dafür sorgen, dass man die Marke auch dann erkennt, wenn das Logo gerade nicht zu sehen ist. Die Figuren haben dabei eine zweite Aufgabe: Sie erzählen Finanzthemen so, dass man sie gern liest.
Der Test für deine Marke
Bevor du über ein neues Logo nachdenkst, mach einen einfachen Test: Deck auf deiner Website, deinem letzten Post und deinem Angebot das Logo ab. Erkennt man trotzdem, dass alles von dir ist? Wenn nicht, fehlt dir kein neues Logo, sondern ein System.
Genau das entwickle ich für meine Kundschaft: ein Corporate Design, das vom Markenkern bis zur Fahrzeugfolie durchdacht ist und sich im Alltag durchhalten lässt. Wenn du wissen willst, wo deine Marke steht, schreib mir.
Quellen
- Phua, P., Bali, L., Anesbury, Z. & Sharp, B. (2026): Shape-based assets are strongest: benchmarking distinctive brand asset performance across industries. International Journal of Advertising. doi.org/10.1080/02650487.2026.2637295
- Romaniuk, J. (2018): Building Distinctive Brand Assets. Oxford University Press.
- Sharp, B. (2010): How Brands Grow. Oxford University Press.
- Lindgaard, G., Fernandes, G., Dudek, C. & Brown, J. (2006): Attention web designers: You have 50 milliseconds to make a good first impression! Behaviour & Information Technology 25 (2). doi.org/10.1080/01449290500330448
- Fogg, B. J. et al. (2002): How Do People Evaluate a Web Site’s Credibility? Stanford Persuasive Technology Lab und Consumer WebWatch. advocacy.consumerreports.org
- System1 & Effie (2026): The Creative Dividend. system1group.com/the-creative-dividend
- Binet, L. & Field, P. (2013): The Long and the Short of It. IPA. ipa.co.uk
- Hoadley, E. D. (1990): Investigating the effects of color. Communications of the ACM 33 (2). doi.org/10.1145/75577.75578


